Blick hinter die Katastrophe

Der Aralsee war einst der viertgrösste See der Welt. Doch davon ist fast nichts übrig geblieben, weil ihm die Landwirtschaft Zentralasiens den Wasserhahn zugedreht hat. Uno-Generalsekretär António Guterrez nannte es «die wohl grösste Umweltkatastrophe, die der Mensch in neuerer Zeit verursacht hat».

Zurückgeblieben ist eine neue Wüste, die Aralkum. Sie ist 50’000 km² gross und an vielen Stellen von Salz bedeckt. Stürme wirbeln es auf und verteilen es weitherum auf den Äckern und Häusern. Das gefährdet die Gesundheit der Menschen und die Fruchtbarkeit der Äcker.

Die Länder der Region haben vor Jahren schon den Fonds zur Rettung des Aralsees gegründet. Doch gerettet wird der See nie mehr. Die Menschen brauchen das Wasser für sich.

In Zukunft wird das Wasser weniger werden: die Bevölkerung nimmt stark zu, und der Klimawandel führt im Sommer zu Knappheit.

Wie weiter? Dieser Frage bin ich im Juni auf einer Recherchereise durch Zentralasien nachgegangen. Ich bin mit einigen Antworten und vielen neuen Fragen zurückgekehrt. Die kann man nun nachlesen und hören:

Der verschwundene Aralsee könnte erst der Anfang sein (Text)

«Blue Peace»: Was kann Schweizer Wasserdiplomatie bewirken? (Text)

Aralsee – eine Umweltkatastrophe mit Fortsetzung (Radiosendung)

Eintauchen in die Arktis

Nun online: Das Feature über die Fahrt der «Helmer Hanssen» und die heroischen Expeditionen von Nansen, De Long, Andrée und anderen:

«In Nacht und Eis»

Tipp: Herunterladen und nicht streamen. Die Tonqualität ist viel besser.

Lichterfest im Polarmeer

 

Bei srf.ch ist jetzt ein längerer Artikel über die Expedition der «Helmer Hanssen» aufgeschaltet. Er erzählt von den wissenschaftlichen Zielen und ersten Resultaten, von leuchtenden Kreaturen und anderen polaren Phänomenen, aber auch vom Alltag an Bord.

Dazu ein Stück über die Arktis-Expeditionen von früher: die Drift der «Fram», die Katastrophe der «USS Jeannette» oder Salomon Andrées tragische Ballonfahrt.

 

Am 29. Dezember gibt’s dann in der Sendereihe Passage 2 auf Radio SRF2 Kultur die Synthese davon: eine Stunde Radio-Feature über die magische Anziehungskraft von «Nacht und Eis».

 

Polardorsche im Radio

Über neue Abenteuer in der Polarnacht kann ich nicht mehr berichten, die Fahrt ist ja vorbei. Aber die Nachlese hat begonnen:

1. Die Polardorsche der «Fish Girls» sind durch das Programm von Schweizer Radio SRF geschwommen, im «Echo der Zeit».
2. «Tonreisen» von SRF4 hat die Polardorsch-Reportage gebracht, dazu jene von vorletzter Woche über die Planktonuntersuchungen, ergänzt mit einem Gespräch mit mir, in dem ich einzelne Themen vertiefen und über den Alltag an Bord der «Helmer Hansen» berichten durfte. Danke, Barbara Büttner, Moderatorin und Produzentin der «Tonreisen».
3. habe ich eine Foto-Galerie von der Reise hochgeladen.

Und nun arbeite ich am Feature in «In Nacht und Eis», das die Forschungsreise der «Helmer Hanssen» an denen von Fridtjof Nansen, George W. DeLong und Salomon August Andrée spiegelt. Unbekannt die Herren? Zuhören am 29. Dezember 2017 auf Radio SRF2 Kultur.

Zum Van Mijenfjord

Gestern Abend haben wir die letzte Messstation auf der Westseite von Spitzbergen verlassen (Bild: B4) und sind seither auf dem Weg zum letzten Ort, wo die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Netze, Schaufeln und anderen Messgeräte zu Wasser lassen. Dies wird im Van Mijenfjord (VM) sein, einem Meeresarm, dessen Eingang durch die quer liegende Insel Akseløya abgeschottet wird.

Route der «Helmer Hanssen»: BF1-W1-NS1-B1-B2-B3-B4-VM (Van Mijenfjord).

Der Name des Fjords geht zurück auf den niederländischen Seefahrer Willem Van Muyden. Er soll der erste Niederländer gewesen sein, der 1613 zum Walfang nach Spitzbergen gefahren ist. Der finnisch-schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld schrieb aber zwei Jahrhunderte später van Muydens Namen falsch und so heisst der Fjord heute Van Mijenfjord.

Diese Information habe ich aus einem bemerkenswerten Buch: «The Place Names of Svalbard». Es führt auf 537 Seiten alle, ja, alle Namen von Spitzbergens Fjorden, Bergen, Tälern und so weiter auf. In diesem Buch erfährt man zum Beispiel auch, dass es auf Spitzbergen einen Vesuv gibt. Warum der 739 Meter hohe Berg zu seinen Namen kam, wird nicht erwähnt. Vielleicht, weil er konisch geformt ist, wie es vermerkt ist.

Das Wasser im Van Mijenfjord ist durch Akseløya vom Meer isoliert. «Vermutlich finden wir dort etwas kälteres Wasser», sagt Expeditionsleiter Rolf Gradinger. Das warme Wasser, das vom Atlantik herkommt und an Westspitzbergen vorbei zieht, gelangt wegen des blockierten Eingangs kaum in den Fjord. Darum hoffen die Forscher darauf, im Fjord auf Meereis zu stossen.

Es ist auch ein Test geplant. Christine Dybwad, die Forscherin, die mit der «Sediment Trap» Partikel und Organismen sammelt, die auf den Meeresgrund sinken, wird dieses Mal versuchen, aufsteigende Partikel einzufangen. Dafür hängt sie eine Sedimentfalle umgekehrt ins Meer: Der Trichter, der seine Öffnung sonst nach oben hat, guckt dann unten. Das hat letzte Nacht etwas Anpassungsarbeit erfordert:

Christine Dybwad, Ulrike Dietrich und Daniel Vogedes arbeiten an der Sedimentfalle.

In den letzten Stunden ist der Wind etwas frischer geworden. Er weht mit 50 bis 60 km/h, einige Böen sind bis 80 km/h. Zum ersten Mal auf der Fahrt rollt nicht nur der Bleistift gelegentlich davon, sondern auch der Laptop auf dem Tisch entwickelt manchmal ein Eigenleben.

Schon William Scoresby (1789 – 1857) wusste, wie Meereis entsteht

So, heute bin ich auf Spitzbergen angekommen, um 14 Uhr ist das Flugzeug aus Tromsø kommend in Longyearbyen gelandet. Besonders kalt ist es nicht, um die 0°C – aber tatsächlich: dunkel. Um 15:07 sah es im Städtchen so aus:

Longyearbyen by day – in der Polarnacht.

Ich hatte es schon erwähnt: ich lese gerade alte Berichte von Expeditionen ins Polarmeer. Heute habe ich mit jenem von William Scoresby begonnen: «The Arctic Regions and the Northern Whale-Fishery» von 1820. Scoresby (1789-1857) war wie sein Vater Walfänger in arktischen Gewässern, aber auch Wissenschaftler und später Pfarrer. Er kannte das Meer um Grönland und Spitzbergen vielleicht wie kein Zweiter zu dieser Zeit.

Im Sommer gebe Spitzbergen mit seinen schneebedeckten Gipfeln «ein ausserordentliches und wunderschönes Bild» ab, schrieb Scoresby, aber

Abbildung aus «The Arctic Regions and the Northern Whale-Fishery»

«… im Winter ist es dort desolat; im nördlichen Teil des Archipels bleibt die Sonne zwischen dem 22. Oktober und etwa dem 22. Februar fortwährend unter dem Horizont. Diese grosse Winternacht – obwohl wahrhaftig düster – ist jedoch keinesfalls so dunkel, wie man erwarten könnte – dank Gott, der die Segnungen seiner Fürsorge durch gescheite und gnädige Vorkehrungen so verteilt hat, dass sie eine gewisse Gerechtigkeit erreichen. Die Sonne […] erzeugt für einige Stunden am Tag eine schwache Dämmerung, obwohl sie unter dem Horizont bleibt. Dazu kommt das Polarlicht, das manchmal so hell ist, wie eine Feuersbrunst.»

Scoresby kannte sich offensichtlich auch mit dem Meereis sehr gut aus. In seinem Bericht beschreibt er ganze 18 verschiedene Arten – und er erklärt genau, wie frisches Eis auf dem Meer entsteht: Anfangs sehe das so aus, wie wenn man Schnee in so kaltes Wasser werfe, dass die Eiskristalle nicht schmelzen. Es entstehe eine milchige Masse, von den Seeleuten «sludge» genannt (Matsch). Später vereinigten sich diese losen Kristalle durch die Wasserbewegung zu immer grösseren Einheiten, bis schliesslich eine zusammenhängende Eisschicht entstehe.

Ob wir diesen Prozess auf der kommenden Fahrt beobachten können, sei allerdings fraglich, hat mir Rolf Gradinger heute gesagt. Der Leiter der Forschungsfahrt ist ebenfalls heute in Longyearbyen angekommen. Obwohl wir laut Plan bis auf über 80° N fahren, bis ans nördliche Ende von Spitzbergen, könnte das Wasser überall zu warm sein fürs Meereis – Mitte November! Noch vor einigen Jahrzehnten war im Winter der ganze Archipel vom Eis eingeschlossen – auch auf der Westseite, wo die letzten Ausläufer des Golfstroms durchfliessen und warmes Wasser vom Süden her bringen.

Spitzbergen (via mappery.com)

Was wir während dieser Fahrt leider auch nicht sehen, respektive ausprobieren können, ist ein Experiment, das William Scoresby in seinem Buch beschreibt: aus Eis von Eisbergen (also Eis aus einem Gletscher, das abgebrochen ist und ins Meer gefallen ist), könne man eine Linse formen. Zuerst mit dem Messer grob die runde Form «schnitzen», und danach mit den Fingern die gebogenen Hälften auf beiden Seiten formen und polieren. Bündle man mit dieser Eislinse das Sonnenlicht auf den Kopf einer Pfeife, versichert Scoresby, könne man den Tabak entzünden. Dieses Kunststück habe er immer wieder staunenden Seeleuten vorgeführt.