Kleine wissenschaftliche Flaschenpost zum Abschluss der Expedition

«For the purpose, not only of ascertaining the set of the currents in the Arctic Seas, but also of affording more frequent chances of hearing of your progress, we desire that you do frequently, after you shall have passed the latitude of 75° north, and once every day, when you shall be in an ascertained current, throw overboard a bottle, closely sealed, and containing a paper stating the date and position at which it is launched; […] and, for this purpose, we have caused each ship to be supplied with papers on which is printed, in several languages, a request that whoever may find it should take measures for transmitting it to this office.»

In Stellvertretung des Prinzregenten des Vereinigten Königreichs gab eine Kommission im Jahre 1818 Kapitän David Buchan die oben stehende Anweisung. Buchan hatte den simplen Auftrag, mit dem Schiff vom Nordatlantik via Nordpol in den Pazifik zu fahren. Weil aber die königliche Hoheit und seine wissenschaftlicher Berater doch ahnten, dass das vielleicht nicht gelingen könnte, gaben sie Buchan die Anweisung, täglich eine Flaschenpost mit seiner Positionsangabe ins Meer zu werfen.

Nun, wir sind guten Mutes morgen heil in Tromsø anzukommen (um 10:26 prophezeit der Bordcomputer), trotzdem schicken wir per Internet eine kleine Flaschenpost ab, in der Expeditionsleiter Rolf Gradinger die wichtigsten Ergebnisse der Fahrt durchgibt – oder zumindest jene, die schon feststehen (von mir aufgezeichnet):

«1. Wir fanden auf der Westseite Spitzbergens noch auf über 80° Nord sehr warmes Wasser aus dem Atlantik – bis 4° Grad warm. Es hat also auch diesen November einen grossen Wärmetransport vom Atlantik in nördliche Gewässer gegeben. Wahrscheinlich beginnt das Meer erst einen Monat später zu gefrieren als früher.

2. Wir haben grosse Unterschiede gesehen zwischen den warmen Gewässern westlich von Spitzbergen und den kalten östlich davon. Im kalten Wasser sind wir auf viele Jugendstadien von Bodenorganismen gestossen, den Larven von Seeigeln, Seegurken und Muscheln. Die Planktonkrebschen (Copepoden) waren sehr aktiv, wir haben auch Männchen von Ruderfusskrebschen gefunden. Das weisst darauf hin, dass der November für die Fortpflanzung dieser Arten sehr wichtig ist. Das hat mich überrascht. Der dunkle Winter scheint für die Organismen in den kalten Gewässer noch viel wichtiger zu sein, als für jene in den wärmeren auf der Westseite.

3. Zusammengenommen ergibt das ein bedenkliches Szenario für die Zukunft, in dem die Kaltwasserarten doppelt unter Druck kommen könnten: Durch immer wärmeres Wasser, das sie in der Entwicklung behindert. Und durch einen Einstrom von atlantischen Arten, die mit dem Warmwasser nach Norden kommen und dort dank der Wärme sich immer besser durchsetzen können.»

Rolf Gradinger ist Spezialist für Algen, die im Meereis leben. Und so bin ich ungemein stolz, dass ich etwas für ihn Neues in diesem Feld entdeckt habe – und zwar im Expeditionsbericht von Salomon August Andrée. Andrée startete im Juli 1897 mit einem Ballon von der Insel Danskøya im Norden des Archipels Spitzbergen und wollte damit den Nordpol erreichen. Die Fahrt dauerte nur drei Tage, dann mussten Andrée und seine zwei Begleiter auf dem Meereis notlanden.

Die nächsten zweieinhalb Monate kämpften sie sich über Packeis, um eine Insel zu erreichen. Das gelang ihnen sogar, am 5. Oktober 1897 erreichten sie das unwirtliche Gletschereiland Weisse Insel. Doch davon erfuhr die Welt erst 33 Jahre später, als dort ihr letztes Lager samt ihren sterblichen Überresten zufällig entdeckt wurde. Gefunden wurden auch Tage- und Logbücher der drei Männer.

In einem schrieb Andrée, dass sein Kollege Nils Strindberg auf die Idee gekommen war, eine Suppe zu machen aus den Algen, die sie an den Rändern des Eises entdeckt hatten. Sie fertigten auch einen Kuchen aus diesen Algen, Hefe und einem Ingredienz namens «Mellin’s Food». Beides habe exzellent geklappt, schrieb Andrée und fuhr fort: «Die Meergemüse-Suppe sollte als wichtige Entdeckung für Arktisreisende angesehen werden.»

Leider hat die Suppe den Männern nicht das Leben gerettet. Nach Auswertung der gefundenen Notizen und den Spuren vermuteten die Wissenschaftler 1930, dass die drei Polreisenden zu wenig warme Kleider dabei hatten und im beginnenden Polarwinter erfroren waren.

 

Ausschlafen – zum ersten Mal

Jeden Morgen um 7 Uhr 30 erschallt aus der Lautsprecheranlage an Bord: «Frühstück fertig». Und obwohl die meisten Forscherinnen und Forscher jeweils mehr Nachtstunden zum Arbeiten gebraucht haben als zum Schlafen, waren die Frühstückstische jeweils gut besetzt. Anders heute Morgen. Die meisten haben bis in die frühen Morgenstunden ihre Proben fertig präpariert und ihre Experimente zu Ende gebracht und sind dann ins Bett gefallen.

Da es ab jetzt nur noch heimwärts geht, keine Messungen mehr gibt, konnten alle im Bett bleiben. Ein paar standen fürs Mittagessen auf, die letzten für eine Besprechung um 14 Uhr 30. Aber die Müdigkeit steckt noch in allen Fasern. Während die Wissenschaftler schlummerten, verliess die «Helmer Hanssen» den Isfjord und drehte um etwa 9 Uhr von 245° auf einen Kurs von 180°: heim. Am Horizont hellblaue Dämmerung, später etwas rot beigemischt.

Die Beute der Expedition schwimmt in den Becken auf dem Deck (Polardorsch), liegt bei 4°C, -20°C und -80°C in der Kälte (Proben und Organismen aller Art), steckt in unzähligen Computerfiles und einigen Notizbüchern und in den Köpfen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Aus all dem zusammen werden weitere Arbeit im Labor, Analysen und Nachdenken die Erkenntnisse der Menschheit erweitern – und vielleicht ihre Weisheit.

Ungefähr vor zwei Nächten, so genau weiss ich das nicht mehr, die Stunden sind längst ineinander verflossen, haben wir auf dem Deck ein Gruppenfoto aufgenommen.

Und dann war noch dieser Gast hier:

Gewöhnliche Seespinne.

Nach der Bestimmung wurde die Krabbe ins Meer entlassen.

Fast alles geschafft

Seit gestern Abend sind wir nun im Van Mijenfjord unterwegs – nicht dass wir allzu viel davon gesehen hätten, höchstens erahnt. Spektakulär war aber die Einfahrt durch den engen Kanal zwischen der Insel Akseløya und dem Rand des Fjords. Auf beiden Seiten waren die Landmassen so nah, dass man sie erkennen konnte. Zudem hat es auf beiden Seiten Positionslichter.

Unsere Fahrtroute in den Van Mijenfjord (grüne Linie).

Als wir hinten im Fjord angelangt waren, ging das Programm los: Zuerst wurde die Sedimentfalle ins Wasser gelassen, danach die umgedrehte Sedimentfalle – das Experiment. Wenige Stunden später, ab Mitternacht, begann das volle Messprogramm mit Netzen, Wasserproben, Bodenschaufeln usw. Das hiess für die meisten Forscherinnen und Forscher: eine weitere Freinacht. Immerhin ist es die letzte Mess-Station.

Um 8 Uhr 30 liess die Crew das kleine Beiboot zu Wasser, und Ulrike Dietrich, Tobias Vonnahme und Brandon Hassett fuhren los, um in den hinteren, seichten Stellen des Fjords vor einem Gletscher nach Eis zu suchen, vor allem solchem, das sich gerade bildet. Im Labor wollen sie später untersuchen, welche Organismen bereits in diesem frühen Stadium im Eis anzutreffen sind.

Bereit.
Das Beiboot «Polarcircle» fährt los.

Die drei waren erfolgreich: kistenweise brachten sie junges Eis mit, das sich gerade bildete, slush. Am Nachmittag war noch eine weitere Fahrt vorgesehen, zu einer anderen vielversprechenden Stelle. Ich sollte dabei sein. Doch nach weiteren Abklärungen entschied der Kapitän, dass der Ausflug zu gefährlich wäre.

Der fragliche Seitenarm ist sehr flach, und an seinem Eingang erhebt sich eine alte Endmoräne eines Gletschers vom Meeresgrund. Die Seekarten geben die Tiefe mit zehn Metern an, aber die Angaben sind nicht genau. Hätte unser Beiboot einen Motorschaden im Seitenarm gehabt, hätte uns die «Helmer Hanssen» nicht retten können. Zu riskant in der Polarnacht und im Schneetreiben, sagte der Kapitän. Schade, aber verständlich.

Die umgekehrte Sedimentfalle liess sich am Abend wieder willig bergen – dieser Teil des Versuch war also erfolgreich. Etwas später begutachteten Christine Dybwad und Ulrike Dietrich gespannt die Probenflaschen, ob sie darin Partikel sehen können, die im Meer nach oben gestiegen und ihnen damit in die Falle gegangen sind. Partikel zum Beispiel, die Algen enthalten, und die dank des Sauerstoffs, der bei der Atmung der Algen entsteht, Auftrieb erhalten. Solche Teilchen sind ein wenig erforschtes Puzzleteil im Ökosystem des arktischen Meeres.

Die umgekehrte Sedimentfalle taucht heil aus dem Van Mijenfjord aus.

Heute Samstag ist im Wissenschaftsmagazin SRF2 Kultur ein Interview mit mir gesendet worden. Moderator Christian von Burg und ich haben uns am Donnerstag über das Satellitentelefon erreicht und über die Fahrt, ihre Ziele das Leben an Bord und in der Polarnacht geredet. Hören kann man es hier.

P.S.: 22 Uhr 16 – wir haben gerade sicher die Engstelle beim Ausgang des Fjords passiert. Nun Kurs auf Longyearbyen.

Zum Van Mijenfjord

Gestern Abend haben wir die letzte Messstation auf der Westseite von Spitzbergen verlassen (Bild: B4) und sind seither auf dem Weg zum letzten Ort, wo die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Netze, Schaufeln und anderen Messgeräte zu Wasser lassen. Dies wird im Van Mijenfjord (VM) sein, einem Meeresarm, dessen Eingang durch die quer liegende Insel Akseløya abgeschottet wird.

Route der «Helmer Hanssen»: BF1-W1-NS1-B1-B2-B3-B4-VM (Van Mijenfjord).

Der Name des Fjords geht zurück auf den niederländischen Seefahrer Willem Van Muyden. Er soll der erste Niederländer gewesen sein, der 1613 zum Walfang nach Spitzbergen gefahren ist. Der finnisch-schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld schrieb aber zwei Jahrhunderte später van Muydens Namen falsch und so heisst der Fjord heute Van Mijenfjord.

Diese Information habe ich aus einem bemerkenswerten Buch: «The Place Names of Svalbard». Es führt auf 537 Seiten alle, ja, alle Namen von Spitzbergens Fjorden, Bergen, Tälern und so weiter auf. In diesem Buch erfährt man zum Beispiel auch, dass es auf Spitzbergen einen Vesuv gibt. Warum der 739 Meter hohe Berg zu seinen Namen kam, wird nicht erwähnt. Vielleicht, weil er konisch geformt ist, wie es vermerkt ist.

Das Wasser im Van Mijenfjord ist durch Akseløya vom Meer isoliert. «Vermutlich finden wir dort etwas kälteres Wasser», sagt Expeditionsleiter Rolf Gradinger. Das warme Wasser, das vom Atlantik herkommt und an Westspitzbergen vorbei zieht, gelangt wegen des blockierten Eingangs kaum in den Fjord. Darum hoffen die Forscher darauf, im Fjord auf Meereis zu stossen.

Es ist auch ein Test geplant. Christine Dybwad, die Forscherin, die mit der «Sediment Trap» Partikel und Organismen sammelt, die auf den Meeresgrund sinken, wird dieses Mal versuchen, aufsteigende Partikel einzufangen. Dafür hängt sie eine Sedimentfalle umgekehrt ins Meer: Der Trichter, der seine Öffnung sonst nach oben hat, guckt dann unten. Das hat letzte Nacht etwas Anpassungsarbeit erfordert:

Christine Dybwad, Ulrike Dietrich und Daniel Vogedes arbeiten an der Sedimentfalle.

In den letzten Stunden ist der Wind etwas frischer geworden. Er weht mit 50 bis 60 km/h, einige Böen sind bis 80 km/h. Zum ersten Mal auf der Fahrt rollt nicht nur der Bleistift gelegentlich davon, sondern auch der Laptop auf dem Tisch entwickelt manchmal ein Eigenleben.

Mehr vom Polardorsch

Den meisten Polardorschen in den grossen Becken auf dem Deck geht es gut. Sie bekommen über eine Schlauchleitung ständig frisches Meerwasser. Wichtig ist vor allem, dass es schön kalt bleibt, am besten um die Null Grad oder kälter, bei 3-4 Grad ist den Polardorschen schon zu warm.

Fischtank auf Deck. Der fahl-rosa „Blob“ in der Mitte ist ein Spitzschwänziger Scheibenbauch. Der englische Name passt optisch besser: Meeres-Kaulquappe.

Obwohl sich Morgan Bender und Julia Gossa hingebungsvoll um die Fische kümmern, die Becken mindestens zweistündlich kontrollieren – sterben trotzdem einzelne Tiere. Doch keines soll vergebens geopfert werden. Die toten Fische werden seziert, um mehr über die Polardorsche zu erfahren.

Morgan Bender seziert einen Polardorsch.

Schon eine grobe Bestandesaufnahme offenbart einen interessanten Lebenswandel. Polardorsche haben riesige Lebern. Bei einem 20 Gramm schweren Fisch kann sie gut und gerne 3-4 Gramm schwer sein. «Die Polardorsche speichern ihr Fett in der Leber», erklärt Bender. Fett ist Energie, und Energie ist wertvoll in der harschen Arktis.

Augenscheinlich steht beim Polardorsch die Leber mit den Geschlechtsorganen im Wettbewerb. Die Sektionen zeigen: Ist ein männlicher Polardorsch in Stimmung, wachsen die Hoden auf Kosten der Leber – und zwar kräftig. Dann bringen die Hoden etwa sieben Gramm auf die Waage und die Leber vielleicht 2-3 Gramm. Die Prioritäten des Polardorschs sind klar.

Im Fischlabor steht noch ein schwarzer Eimer mit einem kleinen Zoo. Es sind ein paar Meeresbewohner, die wie die Polardorsche ins Schleppnetz geraten sind und es überlebt haben. Bender und Gossa umhegen auch sie und hoffen, vor der Rückfahrt eine Gelegenheit zu finden, sie wieder dem Meer zurückzugeben. Mein Favorit ist ein kleiner Octopus:

 

Licht!

Heute morgen habe ich eine Überraschung erlebt, als ich auf das Deck gekommen bin: Dämmerung am westlichen Horizont. Über einem tiefen Wolkenband zartes Hellblau – nach Tagen ziemlich kompletter Dunkelheit. Ein schöner Anblick. Die Sonne bleibt zwar unter dem Horizont, sendet ihr Licht aber via Streuung an den Gasteilchen der Atmosphäre auf unsere Seite des Globus. Es reicht sogar, um einige Eissturmvögel festzuhalten, die wir seit Tagen sehen. Na ja, mindestens verschwommen sind sie zu sehen.

Seit unserer nördlichsten Position auf etwa 80 Grad 20 Minuten Nord sind wir wieder nach Süden gefahren, momentane Position etwa 77 Grad 50 Minuten Nord. Dazu keine Wolken hoch im Himmel, darum das Licht.

Die verschiedenen Stufen der Polarnacht sind in einem früheren Beitrag beschrieben.

Auch Pilze und Bakterien mögen die Arktis

Bisher war von Fischen die Rede, von Krebschen, von Plankton. Aber auch Pilze, Bakterien und Viren haben ihre Fans auf der «Helmer Hanssen». Das ist verdient, vermutlich leben mehr Arten von ihnen hier im hohen Norden als von den anderen Organismen, betonen ihre Liebhaber an Bord und fügen hinzu: Aber natürlich sind sie krass untererforscht.

Wie sammelt man die Mikroben und Viren? Brandon Hassett hat dafür eine Falle auf dem Vorderdeck aufgestellt. Eine Windfahne sorgt dafür, dass ihr Einlass im Wind bleibt und fleissig sammelt, was dahergeflogen kommt. Ein Filter fängt die Luftreisenden auf. Hassett ist vor allem an Pilzen interessiert.

Brandon Hassett und die Mikrobenfalle auf dem Vordeck.

Als die See etwas schwerer geworden ist, sprühte Gischt bis aufs Deck. Der Kapitän hat es von der Brücke aus gesehen und Hassett gewarnt, so dass er sie in Sicherheit bringen konnte. Normalerweise ist die Falle übrigens im warmen Texas im Einsatz. Sie erlebt also gerade eine Luftveränderung.

Hassett fahndet auch im Meerwasser, das regelmässig aus verschiedenen Tiefen heraufgeholt wird, nach Pilzen und Bakterien – und in den toten Tieren, die ihm die Mitforscherinnen und Mitforscher an Bord überlassen. In der letzten Nacht, zum Beispiel, hat er einen Seestern seziert, um an die Mikroben im Magen zu kommen.

Im Labor in Tromsø wird Hassett von den Filtern und den anderen Proben das Erbgut einsammeln, entschlüsseln und mit bekannten Erbgutsequenzen vergleichen. So bekommt er eine Ahnung, wen er da von 80 Grad N mitgebracht hat. Unbekannte Sequenzen sind ein Hinweis darauf, dass Hassett eine bisher unbekannte Spezies ins Netz gegangen ist.

Von der Ordnung der Natur über das Chaos zur Ordnung des Menschen

Forschung könnte man als den Versuch des Menschen definieren, die Ordnung der Natur zu ergründen. Das klingt sinnvoll und irgendwie sauber. Die Realität auf einem Forschungsschiff sieht ein bisschen anders aus: der Begriff «Versuch» in der Definition trifft es besser als der Begriff «Ordnung».

Nehmen wir als Beispiel den Meeresboden. Einige Forscher an Bord würden gerne wissen, wer da lebt und wie die Tiefengemeinschaft ihre WG organisiert. Um diese Fragen beantworten zu können, muss man die Tiefseewesen an die Oberfläche bringen. Das, habe ich in den letzten Tagen gelernt, geht mit verschiedenen Methoden. Sie alle haben zwei Dinge gemeinsam: sie erfüllen ihre Aufgabe, und sie tun dies alle mehr oder minder brachial.

«Box Core».

Am schonendsten ist wohl die «Box-Core-Methode»: Die Forscherinnen und Forscher lassen an einem Seil ein Gestell in die Tiefe hinab, in dem eine Metallkiste steckt. Unten angekommen, zum Beispiel auf minus 150 Meter, wird die unten offene Box in den Schlick abgesenkt, der Boden geschlossen und die Fracht nach oben gebracht. Zum Ersten bleibt dabei die kleine Welt der Meeresbodenbewohner recht heil. Auf der intakten Schlammoberfläche ist sogar ein Seestern zu sehen.

Schlämmen und Filtern.

Aber dann greift die forschende Hand des Menschen ein: Die ganze Schlammmasse wird mit viel Wasser versetzt und gesiebt. Im Sieb bleiben die Tiere der Tiefe zurück, aber ihre WG ist brachial aufgelöst. Dieser Schritt geschieht bei der «Van Veen»-Methode schon gleich bei der Ernte am Meeresboden: Eine Baggerschaufel am Seil beisst sich ein Stück Meeresboden heraus.

Am meisten Meeresbodenwesen bringt die dritte Methode in die Polarnacht hoch – der «Beam Trawl». Ein Metallrahmen samt Netz wird für 5 Minuten über den Meeresboden geschleppt. Was dabei passiert, kann man sich vorstellen.

Raphaelle Descoteaux nutzt diese Methoden. Sie untersucht unter anderem, ob sich wegen der Klimaerwärmung bereits Arten aus wärmeren Regionen in der Arktis festgesetzt haben. Die Sorge: die Eindringlinge könnten die heimischen Arten verdrängen. Descoteaux ist sich der Zerstörung bewusst, die sie anrichtet. Sie bedauert das, aber ohne die Eingriffe keine Erkenntnis. Sie versucht, den Schaden möglichst zu reduzieren: «Wir halten den Trawl so kurz wie möglich», sagt sie.

Sortieren.

Das Chaos, das die Bergungsmethoden angerichtet haben, in die menschliche Ordnung zu überführen, ist harte Arbeit. Descoteaux und Eric Jordà Molina bergen Tausende von Wesen aus dem Schlamm, sortieren sie und bestimmen sie. In Zweifelsfällen muss ein Tier unters Mikroskop. Die beiden finden Seesterne, Muscheln, Krebschen, Spinnenartige, Würmer aller Art und vieles mehr.

Bestimmung unter dem Mikroskop.
Ordnung.

Verzeihung für die z.T. pixeligen Bilder. Die verfügbare Bandbreite lässt keine bessere Qualität zu.

 

Den «Fish Girls» gelingt der grosse Fang

Im letzten Eintrag war die Rede vom Polardorsch, den die zwei Forscherinnen Morgan Bender und Julia Gossa fangen wollen, um ihn im Labor zu untersuchen. Beim Halt gestern war den beiden «Fish Girls», wie sie auch genannt werden, kein Glück beschieden. Eine genaue Durchsicht der gefangenen Fische zeigte: kein einziger Polardorsch dabei.

Um Mitternacht sind wir beim nächsten Ort angekommen, an dem die Wissenschaftler ihre Untersuchungen machen. 24 Stunden bleibt das Schiff mehr oder weniger am selben Ort, und die Crew sammelt eine Vielzahl von Proben: mit Schleppnetzen, mit einer Art Baggerschaufel, die Schlamm vom Grund auf 150 Meter Tiefe heraufholt oder einer Konstruktion aus einem Seil und Röhren, die im Abstand von 50-60 Meter daran gehängt werden. Diese «Sediment Trap» fängt feinste Schwebeteilchen auf, die im Wasser nach unten sinken – Nahrung für das Kellergeschoss des Ozeans.

«Die Fish Girls» und ein Helfer sortieren den Fang.

Und diesmal waren Morgan Bender und Julia Gossa erfolgreich. In ihrem Schleppnetz waren fast nur Polardorsche – und das in einem guten Zustand, so dass die Forscherinnen sie gesund und munter nach Tromsø ins Labor bringen können. Der vermutliche Grund für den Polardorsch-Reichtum an diesem Ort: das Wasser ist mit ca. minus ein Grad deutlich kälter als am letzten Fangort. Und dies gefällt dem Polardorsch, diesem harten Kerl.

À propos harte Kerle – das sind nicht nur die arktischen Tiere, auch die Forscherinnen und Forscher sind hart im Nehmen. Expeditionen mit einem Forschungsschiff sind teuer, die Plätze sehr rar. Darum wird die Tour so kurz wie möglich geplant. Sobald das Schiff an einem Messort ankommt, jagt ein Experiment das nächste. Gearbeitet wird in höchst unregelmässiger Schicht, praktisch rund um die Uhr. Keine Forscherin, kein Forscher hat seit dem Start der Expedition vor 60 Stunden mehr als 5-6 Stunden geschlafen, manche nur 3-4, insgesamt. Seit gestern hat auch der Wind aufgefrischt, und so sind einige nicht nur sehr müde, sondern auch noch seekrank. Eine unangenehme Kombination.

Und noch sind 8 Tage zu bewältigen.

Harte Kerle

Sporadisch haben wir Internet, aber grosse Datenpakete zu senden geht nicht, nur kleines flutscht durch. Darum ein Update im Telegrammstil. Seit der ersten grossen Messaktion im Billefjord haben die Forscher bereits zweie weitere Male Messungen gemacht. Dann stoppt das Schiff, die Crew versucht, die Position zu halten. Der zweite Halt war bei 80° 20’ N, an einem Punkt, an dem der Golfstrom noch immer spürbar ist: Vier Grad warm ist das Wasser, von der Oberfläche bis zum Grund auf 150 Meter Tiefe.

Im Schneetreiben um 3 Uhr 30 morgens hat die Crew zum ersten Mal ein Schleppnetz zu Wasser gelassen. Am Ende des Netzes ist eine Box befestigt, die möglichst schonend den Polardorsch fangen soll. An dieser Art sind einige Forscherinnen auf dem Schiff besonders interessiert. Der Polardorsch ist ein wichtiger Fisch in der Nahrungskette der Arktis. Aber da, wo immer mehr wärmeres Wasser vom Süden her eindringt, wird er von Einwanderern verdrängt. Zum Beispiel dem viel grösseren atlantischen Dorsch.

Die Forscherinnen und Forscher sortieren und bestimmen den Fang aus dem Schleppnetz

Das Schleppnetz brachte eine ansehnliche Fracht nach oben. Viel atlantischen Dorsch, Schollen, Quallen, Seesterne und manches andere mehr. Aber keinen Polardorsch, dem scheinen die 4 Grad hier zu warm zu sein. Was für ein Fisch. Dieser harte Kerl pflanzt sich vom November bis Januar fort. Seine Eier steigen im Wasser auf und reifen unter dem Meereis. Die Forscher vermuten, der Polardorsch macht das so, weil es im Polarwinter weniger Fressfeinde hat – viele von denen ziehen im Winter nach Süden.

Die Forscherinnen auf dem Schiff wollen den Polardorsch fangen, um zu testen, wie schädlich eine Ölpest für ihn wäre. Experimente haben gezeigt, dass er sehr anfällig dafür sein könnte. Eine schlechte Nachricht, weil vor allem Norwegen dabei ist, immer weiter nördlich nach Öl zu suchen und zu bohren. Die Experimente machen die Forscher im Labor in Tromsø. Sie setzen die gefangenen Exemplare in grosse Tanks, die auf dem Deck des Schiffes stehen und bringen sie so heil ins Labor.

Zuerst aber müssen sie welche erwischen.